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Freiheit, Tradition und Handwerk: Die Walz als einzigartige Erfahrung für junge Gesellen
Die Walz – auch Wanderschaft genannt – ist eine jahrhundertealte Tradition im Handwerk, die vielen heute nicht mehr vertraut ist. Dabei bietet sie jungen, ungebundenen Handwerksgesellen eine außergewöhnliche Möglichkeit: Über mehrere Jahre hinweg die Welt zu entdecken, Berufserfahrung zu sammeln und die eigene Persönlichkeit zu formen.
Warum die Walz heute aktueller ist, denn je
Die Wanderschaft ermöglicht es Gesellen, ihr Wissen weit über die Grenzen der eigenen Region hinaus zu erweitern. Handwerk ist traditionell regional geprägt – aber wie unterschiedlich es weltweit sein kann, zeigt ein eindrucksvolles Beispiel:
In Teilen Ostasiens werden Tempel vollständig ohne Nägel errichtet. Durch präzise Holzverbindungen und das Eigengewicht der Konstruktion bleiben diese Bauten sogar erdbebensicher. Solche Erfahrungen schaffen neue Perspektiven, fördern Innovationen und erweitern den fachlichen Horizont.
Einblick in die Tradition: Besuch von Wandergeselle Lukas Otto
Ein praktisches Beispiel für die Bedeutung der Walz lieferte Herr Lukas Otto, ehemaliger Wandergeselle der Vereinigung der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer und Steinhauer. Diese Handwerksvereinigung gehört zu den ältesten in Deutschland – historische Utensilien gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Herr Otto das ÜAZ Bautzen besucht, kurz nachdem er von seiner Wanderschaft zurückgekehrt war. Mit großer Begeisterung setzt er sich dafür ein, jungen Handwerkern die Walz näherzubringen. Auf seine Anfrage hin wurde ein erneuter Termin vereinbart, und so besuchte er am 20.03.2026 die angehenden Maurer und Zimmerer des 3. Lehrjahres – selbstverständlich traditionell in Kluft.
Erfahrungen, Regeln und Traditionen der Walz
Während seines Vortrags vermittelte Herr Otto spannende Einblicke in Ablauf, Regeln und Hintergründe der Wanderschaft. So erfuhr die Gruppe beispielsweise:
- dass Wandergesellen während der Walz ihrer Heimat nicht näher als 50 Kilometer kommen dürfen,
- woher der bekannte Begriff „Schlitzohr“ stammt,
- und warum die Walz früher Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung war.
Einige Traditionen der Bruderschaften bleiben bewusst geheimnisvoll – ein wichtiger Teil der jahrhundertealten Kultur, der die Gemeinschaft der Wandergesellen bis heute prägt.
Mit Humor und vielen persönlichen Anekdoten berichtete Herr Otto außerdem von seiner Arbeitssuche unterwegs, dem starken Zusammenhalt unter den Wandergesellen und der Hilfe, die er auf seiner Reise überall erfahren hat.
Ein gelungener Tag im ÜAZ
Der Besuch war für alle Beteiligten äußerst bereichernd. Die Auszubildenden erhielten einen authentischen Einblick in eine Tradition, die Freiheit, Handwerk und Gemeinschaft miteinander verbindet.
Wir freuen uns sehr über das Angebot von Herrn Otto, diese Veranstaltung auch im kommenden Jahr für die nächste Generation an Maurern und Zimmerern zu wiederholen.
Vielen Dank, Herr Otto, für den inspirierenden Austausch!
Autor: Christian Hiemann, Bereichsleiter Ausbildung ÜAZ-Bautzen

